DS Vevey; ab 1955 MS Vevey – Lac Léman

Auf dieser Ansichtskarte, abgestempelt am 8. September 1909, liegt das Dampfschiff Vevey an der Landungsbrücke in Vevey. Ob es sich hier um die Jungfernfahrt handelt?(Archiv Kurt Hunziker)
Auf dieser Ansichtskarte, abgestempelt am 8. September 1909, liegt das Dampfschiff Vevey an der Landungsbrücke in Vevey. Ob es sich hier um die Jungfernfahrt handelt?
(Archiv Kurt Hunziker)

Nach der erfolgreichen Inbetriebnahme der «Montreux» und «Général Dufour» wird von der Generalversammlung der Compagnie Navigation sur le Lac Léman (CGN) am 12. Mai 1905 der Beschluss gefasst, sogleich ein neues typengleiches Dampfschiff bauen zu lassen. Im Gegensatz zu den Dampfern Montreux und Général Dufour soll das neue Schiff bei ähnlicher Leistungsfähigkeit etwas leichter und damit sparsamer sein. Der Baustart der neuen Einheit, die den Namen Vevey erhält, ist im Januar 1906, die festliche Jungfernfahrt kann bereits am 15. August 1907 stattfinden.

 

Die technische Daten wie folgt lauten: Länge und Breite über alles: 61,50 Meter und 14,00 Meter. Die schrägliegende 2-Zylinder-Heissdampf-Verbundanlage leistet bei einer Höchstgeschwindigkeit von 27.0 km/h ganze 850 PSi, die «Vevey» kann bis zu 1’000 Personen mitführen. Dank seinem minimalen Kohlenverbrauch von 20.6 kg/km (im Vergleich DS Montreux 27 kg/km) wird die «Vevey» sofort intensiv eingesetzt.

 

Verschiedene Umbauten

Mitte der 1920er-Jahre bekommt der Raddampfer einen starken Bugscheinwerfer und eine Illuminationsbeleuchtung für nächtliche Vergnügungsfahrten.

 

1928 wird die «Vevey» für den Winterdienst eingerichtet und dazu teilweise umgebaut: Türen beim hinteren Einstieg, eine verbesserte Heizung und eine Teilverglasung des Oberdecks tragen wesentlich dazu bei. Nach diesem Umbau wird die «Vevey» während des ganzen Jahres für Kurs- und Sonderfahrten eingesetzt.

 

Salon

Zu diesem einzigartigen Salon schreibt die Architektin Charlotte Kunz Bolt: «Der Erstklass-Salon der ‚Vevey‘ mit seinem hellen Kastanientäfer und Purpurholzintarsien zeichnet sich durch gekonnte graphische Gestaltung im Neoklassizismus mit Jugendstilelementen aus. Neben der Marketerie weisen die Täferfüllungen kleine Bronzebeschläge mit gehämmerten Pflanzenmotiven auf, die an die Metallverarbeitungstechnik der holländischen Avantgarde erinnern.  Die Säulen und Pilaster sind gekrönt mit ziselierten ionischen Bronzekapitellen. Eine Anlehnung an den Jugendstil sind die Fauteuils mit ihren geschwungenen Rückenlehnen und der Ebenholzmarketerie, die übrigens eine frappante Ähnlichkeit mit denjenigen auf dem 1906 erbauten Vierwaldstättersee-Raddampfer Schiller haben.»

 

Dieselelektrischer Antrieb

Nach Ablauf der Lebensdauer der Dampfkessel und nach den guten Erfahrungen mit dem Umbau der Dampfschiffe Genève und Lausanne auf dieselelektrischen Antrieb, kommt die «Vevey» zwischen 1953 und 1955 in die Werft der CGN, wo das Schiff einer Generalsanierung samt Umbau der Antriebsanlagen auf Dieselbetrieb vorgenommen wird: das Schiff erhält einen Sulzer 8 Zylinder 4-Takter mit einer Leistung von 700 PS; der Verbrauch beträgt 5,7 Liter Dieselöl pro Kilometer. Der Elektroteil stammt von BBC.

 

Bei dieser Antriebsart treibt ein langsam laufender Dieselmotor einen Gleichstromgenerator an, welcher über eine Schaltung mit den eigentlichen Fahrmotoren verbunden ist. Diese Motoren arbeiten über ein gekapseltes Untersetzungsgetriebe auf die Radwelle und setzen das Schiff in Bewegung.

 

Der Rationalisierungseffekt ist zu damaliger Zeit enorm: Gegenüber einer ursprünglichen Besatzung von zehn Mann kann der Personalbestand um die Hälfte auf fünf Personen gesenkt werden. Das modernisierte Schiff wird am 14. Juli 1955 wieder dem Fahrdienst übergeben.

 

Betrieb

Sogleich wird die «Vevey» ganzjährig eingesetzt. Pendlerkurse von Evian-les-Bains nach Vevey (!) und Lausanne oder die grossen Kurse zwischen Genf und St-Gingolph gehören dazu. Jahrelang wird das Schiff, im Wechsel mit DS Rhône, auf dem Turnus Genf-Lausanne-St-Gingolph-Lausanne (am ersten Tag) und Lausanne-St-Gingolph-Lausanne-Genf (am zweiten Tag) eingesetzt. Am 30. September 2010 verkehrt die «Vevey» zum vorläufig letzten Mal und wird in der Werft stillgelegt. Die Zukunft ist ungewiss.

 

Erinnerungen

In den 1970er- und 1980er Jahren amtet Severino (Rino) Greco und seine Frau Jocelyn als Wirtepaar auf der «Vevey». Von seinen «Filet de Perche» träumen wir noch heute! Als erster Wirt des Genfersees erstellte er seine Speisekarten auch in deutscher Sprache. Auch wenn der Salon stark besetzt war, fand er immer einen Platz für seine Stammgäste.

 

Fussball und Radfahren interessierten ihn: So hatte er auf der Steuerbordseite eingangs Salon, auf seinem Wirte-Pult, während der Dauer der «Tour de France» einen tragbaren TV-Apparat mit «Stuben-Antenne» aufgestellt. Da konnte er mitfiebern oder auch mal fluchen, wenn der Empfang abbrach. Am Transistorradio hörte er oft am Sonntagnachmittag die Übertragungen von Radio Beromünster mit Spielen des FC Basel.

 

Sanierung

Auf Initiative von verschiedenen Organisationen, wie den Dampferfreunden ABVL und der Gewerkschaft SEV, kann die «Vevey» aus dem tristen Dasein an der Mole in der Lausanner Werft entrissen werden. Dank Mithilfe der Kantone rund um den Lac Léman sowie privater Spendern kann eine Generalrevision zwischen 2012 und 2014 durchgeführt werden.

 

Das Prinzip des dieselelektrischen Antriebes wird beibehalten. Zwei Asynchron-Elektromotoren werden durch drei Wechselstromgeneratoren mit Dieselmotorantrieb gespiesen und bewegen mit Reduktionsgetrieben die zwei Schaufelräder. Die beiden sind unabhängig voneinander und werden elektronisch synchronisiert. Die drei Dieselmotoren haben, zum ersten Mal in der Schweiz auf einem Schaufelradschiff, Partikelfilter. Ihre Wasserkühlung dient der Heizung des Schiffs. Verschiedene Schalenräume können hermetisch abgeschlossen werden, was dort den Einbau von fixen Feuerlöschanlagen ermöglicht. Damit betritt auch hier das MS Vevey Neuland. Eine Kommandozentrale im Hauptdeck erlaubt dem Mechaniker, alle Antriebs- und Zusatzanlagen ferngesteuert zu überwachen. Die Koordination aller Arbeiten (über 100‘000 Arbeitsstunden) an Bord und während den Vorfabrikationen stellte eine besondere Herausforderung dar.

 

Einsatz

Die «Vevey» ist heute ganzjährig eingesetzt, im Sommer meist im oberen Seeteil ab Le Bouveret. In der kalten Jahreszeiten ist sie oft als «Fondue-Schiff» oder auf den sonntäglichen Kursfahrten im Einsatz.

 

In der Dampferzeitung, Ausgabe 175, erschien ein ausführlicher Bericht über die Umbauarbeiten in den Jahren 2012 bis 2014.

 

CGN

 

ABVL (Dampferfreunde Lac Léman)