Am 8. Mai 1909 lief die von der Firma Escher Wyss erbaute «Stadt Zürich» in Wollishofen von Stapel. Am Samstag vor Pfingsten, es war der 29. Mai, übernahm die ZDG den neuen Salondampfer. Bei der Übergabe wurde ein Protokoll erstellt, welches eine Reihe von noch kleinen zu behebenden Mängeln oder fehlender Teile enthielt. Beim Mobiliar der 1. Klass-Kajüte wurde festgehalten: «Die Bestuhlung in der Cajüte 1. Kl. ist lebensgefährlich, die Stühle müssen geändert werden».
Die «Stadt Zürich» wird von einer schrägliegenden 2-Zylinder-Heissdampf-Verbundanlage mit einer Leistung von 500 PS angetrieben, die Länge beträgt 59,10 Meter und die Breite 13,10 Meter (jeweils über alles). Der Raddampfer kann 1’000 Personen befördern.
Jungfernfahrt
Am Samstag, 12. Juni 1909, fuhr die «Stadt Zürich» um 15 Uhr, unter Böllerschüssen und bei strömendem Regen, zu ihrer dreistündigen Einweihungsfahrt aus. An Bord waren Mitglieder kantonaler und städtischer Behörden, Vertreter der Anrainergemeinden, der Schiffswerft und weitere prominente Gäste. Die Zürcher Wochenchronik berichtete prominent von diesem Ereignis. Sofort ach der Inbetriebnahme wurden erste Kurs- und Extrafahrten ausgeführt. Im ersten Betriebsjahr legte die Stadt Zürich 12’575 Kilometer zurück und verfeuerte dabei 258,45 Tonnen Kohle.
Berühmtester Gast
Am 4. September 1912 beförderte das Dampfschiff Stadt Zürich ihren bislang berühmtesten Gast, den deutschen Kaiser Wilhelm II. samt seinem Gefolge und einigen handverlesenen Gästen. Auf dem mit Blumen geschmückten Schiff herrschte eine strenge Kleiderordnung, serviert wurden Tee und deutsches Bier. Die Abendrundfahrt des Gastes feierten die umliegenden Gemeinden mit Feuerwerken, und noch Jahre später wurde die «Stadt Zürich» im Volksmund «Kaiserschiff» genannt, wenn auch bei weitem nicht von allen: Der aus Horgen stammende Heizer Jakob Stampfer wurde in letzter Minute seiner «kaiserfeindlichen Gesinnung» wegen ausgewechselt – Sozialdemokraten waren auf dem «kaiserlichen Schiff» unerwünscht.
Weltkriege
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde der Schiffsbetrieb massiv reduziert. Am 2. Dezember 1918 verfügte der Bundesrat die Einstellung aller mit Dampf betriebenen Schiffsstrecken, da nicht genügend Kohle in die Schweiz importiert werden konnte; bereits ab 1919 waren die Fahrplaneinschränkungen jedoch wieder aufgehoben. Im Winter 1919 wurde die «Stadt Zürich» erstmals ins Trockendock überführt; schwerwiegende Mängel wurden nicht festgestellt.
Während des Zweiten Weltkriegs blieb der Dampfkessel den ganzen Winter mit Wasser gefüllt und der Maschinenraum geheizt, um die Temperatur über dem Gefrierpunkt und den Raddampfer für militärische Zwecke innert 24 Stunden betriebsbereit zu halten. Der private Schifffahrtsbetrieb kam während dieser Zeit fast gänzlich zum Erliegen.
Die Motorschiffe erobern den See
Ab 1959 wurden die beiden letzten Raddampfer auf dem Zürichsee nach und nach durch moderne Motorschiffe ergänzt und kamen praktisch nur noch an Sonntagen zum Einsatz.
1983 beschloss der Verwaltungsrat der ZSG die Erhaltung der beiden letzten Dampfschiffe Stadt Zürich und Stadt Rapperswil, nachdem ihre Ausserdienststellung aus Kostengründen kontrovers diskutiert worden war. Zwei Jahre später feierte die ZSG mit verschiedenen Aktivitäten «150 Jahre Dampfschifffahrt auf dem Zürichsee».
Unterhaltsarbeiten und bauliche Änderungen
In den Jahren 1922 und 1939 waren erstmals bauliche Änderungen nötig: «Die Stadt Zürich» erhielt neue Siederohre an den Dampfkesseln, das Dach des Oberdecks wurde ersetzt und die Schaufelräder revidiert.
In den Jahren 1941 bis 1953 standen grössere Revisionen an: Kesselreparaturen, Verlängerung des Oberdecks bis zum Steuerhaus und Ersatz des Sonnenzelts durch ein festes Dach.
1951 wurde die Kohlenfeuerung durch eine Schwerölfeuerung ersetzt, wodurch im Betrieb Maschinenpersonal eingespart und die Besatzung von bisher acht auf sechs Mitglieder reduziert wurde.
Im Frühling 1956 wurde die «Stadt Zürich» einer Generalüberholung unterzogen und zum Teil umgebaut, wobei auch die Jugendstil-Ausstattung des Salons durch eine schlichte Holzverkleidung ersetzt wurde. Erst mit den Restaurierungen in den Jahren 1989/90 und 2003/04 wurde der Innenausbau anhand von historischem Quellenmaterial weitgehend in den Originalzustand zurückgeführt, so dass heute ein ähnliches Raumerlebnis vermittelt wird, wie es die Passagiere auf der Jungfernfahrt im Jahr 1909 erlebten.
1960 und 1967 erfolgten Hauptrevisionen im Dock in Zürich-Wollishofen, wobei Reparaturen an den Decks, an der Heckschanzverkleidung, an den Kesseln und Schaufelrädern durchgeführt wurden.
1979 bis 1981 wurde die «Stadt Zürich» nochmals einer gründlichen Sanierung unterzogen: Die verrosteten Radkästen wurden ersetzt, die Aufenthaltsräume für das Schiffspersonal ausgebaut und die Toiletten verlegt, so dass sie leichter zugänglich wurden. Der Raddampfer erhielt gleichzeitig eine neue Trinkwasseraufbereitungsanlage und Hilfsdieselpumpen und im Rumpf eine zusätzliche Schottwand sowie eine hydraulische Rudersteuerung.
Im Winter 1989/90 erfolgte der Umbau auf den gleichen technischen Stand wie das Schwesterschiff Stadt Rapperswil: Ersatz der zwei alten Dampfkessel durch einen neuen, das Holzdeck wurde erneuert, ebenso die Holztreppe zur 1. Klasse; zudem wurden der Salon und die Rauchkabine in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Die Renovation kostete drei Millionen Franken, finanziert durch die öffentliche Hand, die «Aktion pro Raddampfer» und mit 200’000 Franken Spenden von Privaten. Am 21. Juni 1990 nahm die runderneuerte Stadt Zürich den Passagierbetrieb wieder auf.
Ende 2001 initiierte der Verwaltungsrat der ZSG das Projekt «Mit Volldampf voraus» mit dem Ziel, die beiden Zürichsee-Raddampfer zu erneuern und mit erhöhtem Komfort auszustatten. Am «Tag der Schweizer Schifffahrt» 2002 startete eine Spendenaktion, wiederum in Zusammenarbeit mit der «Aktion pro Raddampfer». Ende November 2003 erfolgte die Auswasserung der «Stadt Zürich». Erneuert wurden die Wasser-, Abwasser- und Stromversorgung, die Kühlanlagen, die Dieselaggregate und die Heizung. Im Rumpf erfolgte der Einbau einer neuen Küche, und auf dem Oberdeck schützt seither eine verbesserte Verglasung die Passagiere, damit der Einsatz des Dampfers bei jedem Wetter möglich ist. Nebst weiteren kleineren Änderungen wurde gleichzeitig im Salon weitgehend der Originalzustand wiederhergestellt. Am 25. Mai 2004 erfolgte die feierliche Wiederinbetriebnahme des für 1,7 Millionen Franken renovierten Raddampfers.
Jubiläum
Vom 23. bis 25. April 2009 wurde das dienstälteste Passagierschiff auf dem Zürichsee beim Bürkliplatz im Rahmen einer Jubiläumsausstellung mit seinen geschichtlichen Hintergründen der breiten Öffentlichkeit präsentiert. Am 12. Juni 2009, exakt einhundert Jahre nach ihrer Jungfernfahrt, hat die «Stadt Zürich» ihre Jubiläumsfahrt durchgeführt.
Maschinenrevision
Im Winter 2012 wurde erstmals nach über 100 Jahren die Dampfmaschine zerlegt und umfassend überarbeitet. Diese Arbeiten waren eine grosse Herausforderung für die Verantwortlichen, dauerten sie doch viel länger als geplant.
Technische Sanierung
Nach erfolgter Sanierung der Technik von DS Stadt Rapperswil erfolgten die Arbeiten im Jahr 2023 im selbem Umfang auf der «Stadt Zürich». Er umfasst im wesentlichen folgende Komponenten: Ersatz der Dampfturbine durch Dieselgeneratoren; Dieselgeneratoren mit Hybridansatz (Downsizing mit Unterstützung über Batteriepaket); Ersatz Speisewasser Vorwärmung (neu durch kontinuierliche, bedarfsgesteuerte Speisung); Umkehrosmose Anlage zur Vorbehandlung des Speisewassers (durch das hochreine Speisewasser wird weniger Chemie benötigt, das tägliche energieintensive Abschlammen entfällt fast vollständig); Ersatz von Heizung und Trinkwasseraufbereitung; Ersatz der Verkabelung und der Elektroverteilungen Unterdeck; Teilersatz der Schalenbleche; Neuer Anstrich bis Unterkante Leist; Einzug zweier neuer Schottwände (Kessel- und Generatorraum).
Einsatz
Seit dem Sommer 2024 ist die «Stadt Zürich» abwechslungsweise mit dem Schwesterschiff Stadt Rapperswil im kursmässigen Einsatz.
Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft