Am 18. Juni 1923 beschliesst die Generalversammlung der Compagnie Générale de Navigation (CGN) den Bau eines Raddampfers mit den gleichen Ausmassen, wie die jüngste Einheit der CGN-Flotte, das DS Simplon, ausweist. Den Bauauftrag erhalten wiederum die Gebrüder Sulzer in Winterthur. Diese dürfen mit diesem Neubau das elfte Dampfschiff in Serie innert rund zwanzig Jahren an den Genfersee liefern. Der Stapellauf erfolgt am 4. März 1926. Dem Neubau wird eine neuartige Gleichstrom-Drillings-Dampfmaschine mit ölhydraulischer Steuerung und Druckschmierung eingebaut, die Leistung beträgt 1’400 PSi . Ein solcher Antrieb kann heute in der Schweiz noch auf der «Stadt Luzern» auf dem Vierwaldstättersee bewundert werden.
Die Betriebsaufnahme verzögert sich bis zum 15. September 1926. Der Dampfer hat eine Länge von 78,00 Meter und eine Breite von 15,90 Meter (jeweils über alles). Das «Helvétie» genannte Schiff hat eine Tragfähigkeit von 1’600 Personen. Benötigt wird eine Besatzung von elf Mann.
Im Laufe der Jahre
1930 wird das Oberdeck teilverglast, danach verkehrt der Dampfer bis zu Beginn der 1970er Jahre äusserlich unverändert.
Im Winter 1960 wird die Feuerung der beiden Kessel auf Öl umgestellt und das Schiff danach vermehrt eingesetzt.
1972 wird die Verglasung auf dem Oberdeck vergrössert und hinten abgeschlossen. Es entsteht ein geschlossener Aufenthaltsraum. Gleichzeitig wird ein neues Steuerhaus (Typ «Seilbahnkabine») erstellt.
Umbau
1973 ist absehbar, dass die beiden Dampfkessel ersetzt werden müssen. Da die CGN gute Erfahrungen mit dem Umbau von Dampfschiffen zu Radschiffen mit diesel-elektrischem Antrieb gemacht hat, wird auf der «Helvétie» neben den Kesseln auch die Dampfmaschine ausgebaut (Teile der Maschine kommen ins Musée du Léman).
Nach letzten Einsätzen unter Dampf im November 1974 beginnen im Sommer 1975 die Arbeiten. Es wird die Antriebsanlage des Donauschleppers Goliath eingebaut. Zusätzlich müssen verschiedene Hilfsmaschinen und Apparate installiert werden. Um die Sicherheit zu verbessern, wird die Anzahl der Schottwände erhöht. Im Winter 1987/88 wird eine Gesamtrevision der elektrischen Anlagen abgeschlossen. Trotzdem arbeitet die Antriebsanlage nicht zuverlässig und das Schiff bekommt den Ruf pannenanfällig zu sein. Deshalb steht das MS Helvétie meistens im Reservedienst oder führt fahrplanmässig einmal in der Woche die «Croisières dansantes» oder eine Brunchfahrt ab Genf durch.
Letzte Einsätze
Anstelle des vom Sturm Lothar beschädigten MS Lausanne führt 1999 die «Helvétie» zusammen mit dem DS La Suisse die Silvesterfahrt aus.
In den beiden Folgejahren steht das Schiff jeweils nur noch an 47 Tagen in Betrieb und es werden pro Jahr rund 3’300 Kilometer zurückgelegt. Im Frühling 2002 berichtet die Dampferzeitung, dass die «Helvétie» in den nächsten zwei Jahren stillgelegt werden soll. Doch es reichte in jenem Jahr gerade noch zu einem einzigen Einsatztag.
Erinnerungen
Unvergessen sind die Einsätze des Dampfers Helvétie auf der «Translémanique»-Tour. Diese Fahrt führte von Genf aus mit nur wenigen Halten bis zum Schloss Chillon und wieder zurück. So sollten die Touristen in wenigen Stunden den ganzen See erleben können. Zur Unterhaltung der Gäste spielte ein Salonorchester auf; bei unserem Besuch an Bord wurden, eher unpassend, ungarische Weisen gespielt. Die Verpflegung an Bord, vom Frühstück über den Mittagslunch bis hin zu Kaffee, Tee und Süssem am Nachmittag, war vom Feinsten (mindestens für uns zum Anschauen)! Denn für uns junge Dampferfans war das Menu-Angebot zu teuer, es war Verpflegung aus dem Rucksack angesagt. Schräge Blicke anderer Passagiere mussten wir über uns ergehen lassen. Wir hatten ja schon Mühe, die Billettkosten (es gab nur Billette erster Klasse mit Zuschlag) zu tragen!
Ausser Dienst
Der Antrieb ist im Jahre 2002 definitiv am Ende und das Schiff muss stillgelegt werden. 2011 wird eine Teilrenovation (insbesondere an der Schale) durchgeführt, damit das Schiff 2012 und 2013 als «Ersatzmuseum» für das Musée Olympique in Ouchy stationiert werden konnte. 2015 beherbergt die «Helvétie» die Ausstellung «100 Jahre IOK in Lausanne».
Wie weiter?
Nun wartet das Radschiff auf die Generalrevision. Die Planungen dazu mussten zurückgestellt werden, dies weil die Sanierung des Dampfers Simplon (nach der Havarie im Frühling 2024) Vorrang erhalten wird.
In der DZ-Ausgabe 3/05 veröffentlichte Yves de Siebenthal interessante Aspekte zur Wiederinbetriebnahme der «Helvétie».