Auf dem Vierwaldstättersee kreuzen mit der «Germania» und «Italia» seit 1872 zwei prächtige Salondampfschiffe. Da wollen die Zürcher nicht abseits stehen und bestellen 1873 bei Escher Wyss & Cie. einen Salondampfer. Der Neubau, der den Namen Helvetia erhält, ist 65.10 Meter lang und 13.70 Meter breit (jeweils über alles) und hat die gleichen Masse, wie der im gleichen Jahr in Betrieb genommene Genfersee-Raddampfer Mont-Blanc.
Angetrieben wurde die «Helvetia» von einer schrägliegenden 2-Zylinder-Zweifach-Expansionsmaschine, welche 1880 in eine richtige Verbundanlage umgebaut wurde. Der Kolbenhub lag bei 1220 mm und die Leistung der Maschine in indizierten HP ist im Schiffsbuch mit 480 angegeben. Am 29. Mai 1875 läuft der Neubau von Stapel. Die Tragkraft wird auf 1’200 Personen festgelegt.
Bau im Seefeld
Unter der Leitung des Escher Wyss Teilhabers Oberingenieur Gustave Naville wurde der Raddampfer im Zürcher Seefeld erbaut. Am 29. Mai 1875 berichtete das Wochenblatt für den Bezirk Meilen, dass der Salondampfer vor zwei Tagen vom Stapel gelaufen war.
Jungfernfahrt
Die Probefahrt, so wurde die Jungfernfahrt genannt, ging unter Kapitän Maurer zur Insel Ufenau. Die Stimmung an Bord soll so gut gewesen sein, dass niemand die Insel betreten wollte und alle Gäste auf dem Schiff im Salon tafelten. Der Schiffsrestaurateur Glogg war für «ein feines Menu nebst gutem Wein» besorgt gewesen.
Jedes Jahr im Einsatz
Trotz allen Hindernissen war die «Helvetia» jedes Jahr in Betrieb. Sie legte pro Saison zwischen 1’000 und 4’000 Kilometer zurück. Selbst in den Kriegsjahren, als Treibstoffmangel herrschte, lief sie zu Fahrten aus. Die Einsätze waren von kurzer Dauer. Praktisch nur an Sonn- und Feiertagen war sie auf dem See anzutreffen. Im Schiffsbuch werden pro Monat in der Hochsaison ca. 15 Fahrten festgehalten. Die gefahrenen Kilometer zeigen, dass es sich meist um Rundfahrten gehandelt hat, da Längsfahrten eine höhere Kilometerzahl ergeben hätten.
Beliebte Fahrten
In Inseraten und auf Plakaten wurde für die sonntäglichen Spazierfahrten mit Konzert geworben. Jedoch wurde die musikalische Begleitung immer wieder gestrichen, da die Einnahmen zeitweise nicht einmal die Kosten für die Musik deckten. Diese Fahrten kosteten zu Beginn nur einen Franken. 1922 bezahlte man für eine Rundfahrt mit dem Salondampfer von Zürich nach Wädenswil und zurück in der 1. Klasse Fr. 3.50 und in der 2. Klasse Fr. 2.50.
Kohlenfresser
Anfänglich soll die «Helvetia» zuviel Kohle verbraucht haben wegen undichten Feuerrohren. Mit Kartoffeln und Bohnenmehl im Kesselwasser soll eine «gewisse kohlensparende Abdichtung» erreicht worden sein. Mit dem Einbau neuer Kessel im Jahr 1894 dürfte dieses Problem behoben worden sein.
Unterhalt
Das Schiff war sehr gut unterhalten und gepflegt. Regelmässig wurde es in der Werft in Zürich-Wollishofen auf Stapel genommen. Für die Stapelgänge spielte der Seepegel auf Grund der Grösse des Schiffes eine grosse Rolle. Bei Niedrigwasser konnte der Dampfer nicht aufgezogen werden, da die Gefahr bestand, dass er während der Aus- oder Einwasserung nicht richtig auf dem Aufzugswagen auflag. Bei der Einwasserung vom 25. November 1916 lag der Pegelstand beim Zürcher Bellevue bei 409.32 Meter und in der Werft bei 1,15 Meter. Ohne Belastung des Hecks schwamm die «Helvetia» so auf, dass sie sich vom Wagen löste, jedoch mit dem Bug auf drei bis vier Bahnschwellen fest sass. Der Dampfer Wädensweil schleppte die «Helvetia» frei. Dabei ist im Schiffsbuch vermerkt, dass der hohe Wasserstand das Manöver begünstigt habe!
Selbst während des Zweiten Weltkrieges, es wurde nur noch nach einem reduzierten Fahrplan gefahren, stand der Dampfer im Einsatz und wurde weiterhin gut gepflegt und auch 1941 auf Stapel genommen. Erst als das Eidg. Amt für Verkehr die Betriebsbewilligung bis 1960 festlegte und die ZSG ihre Flotte umfassend mit Motorschiffen erneuerte, war das Ende der «Helvetia» absehbar.
Ende Feuer
Im letzten Betriebsjahr 1958 legte der Raddampfer noch 1’144 km zurück. Höhepunkt der Saison war die Begleitung des MS Limmat auf seiner Jungfernfahrt.
Am Wochenende vom 4. und 5. Oktober lief die «Helvetia» nach 83 Jahren zu ihren letzten Fahrten aus. Das Personal der ZSG hatte es sich nicht nehmen lassen, dem Dampfer einen würdigen Abschied zu bereiten. Im Innern des Schiffs riefen alte Fahrpläne und Fotos die Erinnerung an vergangene Zeiten wach. Am Sonntag fuhr man festlich beflaggt dicht dem rechten Seeufer entlang. Unterdessen hatte sich die Besatzung am Bug versammelt und nahm, während die Flagge auf Halbmast ging, mit dreiminütigem Schweigen Abschied vom Schiff. Zum Abschluss der Zeremonie ertönte die Schiffspfeife und die Fahrt wurde seeabwärts fortgesetzt. Die «Helvetia» hatte insgesamt nur rund 200’000 Kilometer auf dem Zürichsee zurückgelegt, also etwa 2’400 Kilometer pro Jahr.
Verkauf
Das Schiff wurde noch im gleichen Jahr für 50’000 Franken an die Gartenbauausstellung «G 59» verkauft, welche es als schwimmendes Restaurant einsetzte. Im Verkaufsvertrag war festgehalten, dass der Dampfer nach Abschluss der Ausstellung zu verschrotten sei. Das Restaurant wurde sehr erfolgreich geführt und die ZSG wehrte sich nicht, als die «G 59» – sie hatte finanzielle Probleme – die «Helvetia» an den Coiffeurmeister Schwarz für 35’000 Franken verkaufte. Dieser machte jedoch ein schlechtes Geschäft, da er die Betriebsbewilligung für ein schwimmendes Restaurant nicht bekam. Jetzt mussten sich die Gerichte mit der «Helvetia» beschäftigen. Die ZSG drängte auf eine Verschrottung des Schiffes.
Verschrottung in Nuolen
Am 16. November 1961 wurde es von der ZSG gratis nach Nuolen im Obersee geschleppt, wo sich die KIBAG bereiterklärt hatte der «Helvetia» ein vorläufiges Asyl zu gewähren. Erst 1963 stellte das Bundesgericht klar, dass der Vertrag mit Schwarz gültig und er damit für eine Verschrottung verantwortlich war. Inzwischen hatten sich Vandalen dem Schiff angenommen und es lag halb versunken in Nuolen. Ende 1963 kam es zur Einigung zwischen Herrn Schwarz, der ZSG und der KIBAG. Die ZSG zahlte freiwillig 3’000 Franken und Schwarz 2’000 Franken an die KIBAG, welche die Aufbauten verschrottete und die Schale endgültig versenkte.
1994 orteten Mitglieder des Oldtimer Boot Clubs Zürichsee das Grab der «Helvetia» unter einer Insel im Yachthafen «Kiebitz» bei Nuolen. Sie liessen an der Stelle, wo die Schiffsschale liegt, eine Gedenktafel anbringen, welche an den einstigen Stolz des Zürichsees, die «Helvetia, erinnert.