Im Sommer gibt’s doch noch keine Fahrten auf dem ersten Wasserstoff-Passagierschiff
In der Luzerner Zeitung vom 8. Januar 2026 erschien ein Artikel über den Umbau des MS Saphir zum Wasserstoff-Schiff. Diesen geben wir untenstehend in Auszügen wieder.
«Im kommenden Sommer hätte es auf dem Vierwaldstättersee eine Premiere geben sollen. Das Motorschiff Saphir der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV) AG wird zum ersten Wasserstoff-Passagierschiff der Schweiz umgebaut. Dies teilte die SGV vor drei Monaten mit. «Ab Sommer 2026 wird das Schiff wieder auf dem Vierwaldstättersee unterwegs sein», hiess es damals.
Nun zeigt sich aber: Dieser Zeitplan kann nicht eingehalten werden. SGV-Geschäftsführer Stefan Schulthess bestätigt gegenüber unserer Zeitung, dass der Umbau, für den man mit einer Dauer von rund sechs Monaten gerechnet hatte, zwar wie geplant am 20. Oktober 2025 begonnen habe. Doch weil sich die Lieferung der Brennstoffzelle – die Wasserstoff und Sauerstoff in elektrische Energie umwandelt – verzögere, könne die umgerüstete «Saphir» aus heutiger Sicht wohl erst im Spätherbst wieder in Betrieb genommen werden.
«Kommt nicht völlig überraschend»
«Die Verzögerung beim Umbau des Motorschiffs Saphir ist selbstverständlich bedauerlich, kommt jedoch nicht völlig überraschend», schreibt Schulthess dazu und erklärt: «Der Zeitplan war von Beginn an ambitioniert und als Prototypenprojekt, das in dieser Form erstmals in der Schweiz umgesetzt wird, bringt es naturgemäss besondere Herausforderungen mit sich.» So werde die Brennstoffzelle als Unikat im Ausland fabriziert, weil es kein Serienprodukt gebe, das alle Anforderungen der SGV erfülle. «Bei einer Einzelanfertigung eines solch hochtechnologischen Produkts bestehen immer Risiken einer Verzögerung. Dessen waren wir uns bewusst.»
Beim Hersteller sei es aus mehreren Gründen zu Verspätungen gekommen. «Hauptursachen sind die komplexe Integration in die Schiffsperipherie sowie die Programmierung und Zertifizierung des notwendigen Kontrollsystems, das bei einer Brennstoffzelle exakt auf den jeweiligen Einsatz abgestimmt werden muss.» Zusätzlich wirke sich der Fachkräftemangel beim Lieferanten aus, da die Fertigung hochspezialisiertes Personal in Elektrochemie und Systemintegration erfordere. «Die Integration und Lagerung von Wasserstoff im Rumpf eines Schiffes wurde weltweit noch nie gemacht», so Schulthess. Da sich der Wasserstoff nicht im Freien, sondern in einem geschlossenen Raum befinde, seien die Anforderungen an die Sicherheit hoch, was in allen Belangen eine grosse Herausforderung sei. Der Umbau auf einen Wasserstoffantrieb wie bei der «Saphir» sei auch deshalb anspruchsvoll, weil es dafür in der Schweiz weder etablierte technische Standards noch spezifische Zulassungsprozesse gebe. «Dies macht in unserem Fall eine komplexe Einzelfallprüfung durch das Bundesamt für Verkehr (BAV) sowie eine internationale Zertifizierungsstelle erforderlich.»
Wasserstoff-Produktionsanlage später in Betrieb
Apropos Verzögerungen: Auch bei der H2Uri AG gibt es welche. Die Firma wurde eigens für die Produktion von grünem Wasserstoff gegründet und ist mehrheitlich im Eigentum der Axpo, doch auch die SGV Holding AG besitzt einen Anteil von 7 Prozent. Auf dem Areal des Kraftwerks Bürglen baut sie die erste Wasserstoff-Produktionsanlage der Zentralschweiz.
«Die Vorarbeiten sind bereits weit fortgeschritten», schreibt Verwaltungsratspräsident Werner Jauch. Nur: «Der internationale Lieferant konnte den Elektrolyseur nicht planmässig liefern.» Das führe zu Verzögerungen beim Bau der Wasserstoff-Produktionsanlage. Die Auslieferung werde nun voraussichtlich im Sommer erfolgen, danach könne die Anlage schrittweise in Betrieb genommen werden. «Aktuell planen wir, ab Ende 2026 grünen Wasserstoff zu produzieren.»
Für die ersten Fahrten der neuen «Saphir» wird’s also vermutlich nicht reichen. Ein weiterer Grund zur Sorge ist das für die SGV aber nicht. Schulthess betont: «In einer Zwischenphase können wir den Wasserstoff auch anderweitig in der Schweiz beschaffen.»
Brandschutzisolation wird erneuert
Beim Umbau der «Saphir» wird nun vorerst der elektrische Teil priorisiert. «Dieser schreitet gut voran», sagt Schulthess. Der Werftaufenthalt werde zudem für notwendige Unterhaltsarbeiten genutzt: also etwa für Malerarbeiten, für ein neues Holzdeck oder eine neue Schottwand in der Schale. In den kommenden Wochen werde zudem die Brandschutzisolation in der Schiffsschale Unterdeck erneuert. Total soll die Umrüstung 4 bis 5 Millionen Franken kosten. Etwa 80 Prozent entfallen dabei auf den Umbau der «Saphir», das restliche Geld wird für die Ladeinfrastruktur und die Wasserstoff-Tankstelle benötigt. An diesem Preisschild wird sich laut Schulthess aus heutiger Sicht nichts ändern.
50’000 Liter Treibstoff werden eingespart
Das Bundesamt für Verkehr (BAV), das die Umrüstung auf Wasserstoffantrieb im Rahmen des Programms «Energiestrategie im öffentlichen Verkehr 2050» gemäss Projektbeschrieb mit 1,16 Millionen Franken unterstützt, bezeichnet diese als «ein Leuchtturmprojekt mit Signalwirkung für die Zukunft einer CO₂-neutralen Mobilität auf Schweizer Seen». Die Technologie berge besonders für grössere Binnenschiffe auf langen Fahrplankursen grosses Potenzial.
Der bei der «Saphir» gewählte Ansatz kombiniert eine Brennstoffzelle, die mit Wasserstoff aus einem 100 Kilogramm fassenden Druckspeicher versorgt wird, mit einer Batterie, die eine Kapazität von 737 Kilowattstunden hat. Während der Fahrt speist die Brennstoffzelle die Batterie und produziert so elektrische Energie für den Antrieb. Über den gesamten Lebenszyklus hinweg soll diese Kombination rund sechsmal weniger Emissionen verursachen als ein vergleichbarer Diesel-Hybrid-Antrieb. Die SGV schreibt, durch den Ersatz der Dieselmotoren würden 50’000 Liter Treibstoff eingespart.
Weniger Brennstoff
Um den Anteil fossiler Treibstoffe bei den Kursschiffen im Vergleich zu 2019 um 20 Prozent zu reduzieren, setzte die SGV in den vergangenen Jahren mehrere Projekte um (die Dampferzeitung berichtete).
Im Winter 2023/2024 wurde das Motorschiff Rütli elektrifiziert und bei allen fünf Dampfschiffen wurden die Dampfturbinen durch Generatoren ersetzt. Weiter erfolgte ein Angebotsabbau von zirka 10 Prozent der Schiffskilometer und dem Dampfschiff Gallia wird seit vergangenem Mai als erstes Kursschiff weltweit ein Anteil Solartreibstoff beigemischt. Ab 2027 soll es nur noch mit Solartreibstoff fahren.»
Einsatz
Die «Saphir» wird ab Luzern auf der einstündigen Panoramarundfahrt (mit einem kurzen Halt in Kastanienbaum) eingesetzt. Da dieses Schiff aus obengenannten Gründen nicht eingesetzt werden kann, werden diese Fahrten, in der Regel, durch das MS Titlis oder das MS Cirrus (je nach Verfügbarkeit) durchgeführt. Beim Einsatz der «Titlis» wird die wechselvolle Geschichte dieses Schiffes, erbaut 1951 von der SGV-Werft, um ein Kapitel reicher.