Haben in der Schweiz Dampfer eine Zukunft?

Kurt Bolt
Zunächst eine provokative Frage, zugegeben, aber es lohnt sich genauer darüber nachzudenken. Besonders angesichts der vielerorts zu beobachtenden problematischen Veränderungen bei der Schifffahrt auf Schweizer Seen, da muss man sich als Schiffsliebhaber schon fragen, was die Zukunft bringt.

Die Dampfer, wie sie von Schifffahrtsfreunden geliebt und geschätzt werden sind vor allem in der so genannten Belle-Epoque gebaut worden, von etwa 1880 bis 1914, also vor dem Ersten Weltkrieg. Sie entsprachen dem damaligen Stand der Technik und Dampfmaschinen und waren weit verbreitet. Sie dienten dem Transport von Waren, Tieren und von Menschen, vorerst ohne besonderen Komfort. Aussergewöhnlich war erst die luxuriöse Ausstattung jener Schiffe, die speziell für den neu aufkommenden internationalen Tourismus gebaut wurden.

 

Viele Dampfer sind über 100 Jahre alt

Ab den 1950er Jahren galten Dampfmaschinen als veraltet, sowohl im Verkehr (Schiffe, Bahn) als auch in der Industrie. Die noch verbliebenen Raddampfer erreichten das Ende ihrer Nutzung und wurden ganz selbstverständlich durch Motorschiffe ersetzt, von denen jetzt aber viele bereits auch schon nicht mehr fahren. Das führte dazu, dass die meisten altehrwürdigen Dampfer nach jahrzehntelangem Einsatz sang und klanglos verschrottet wurden. Es gelang aber Ende der 1960er Jahre einer genügend grossen Anzahl von jungen engagierten Schifffahrtsfreunden einer breiten Bevölkerung klarzumachen, dass diese inzwischen aussergewöhnlich gewordenen Schiffe eine ganz besondere Qualität haben, die absolut erhaltenswert ist. Das mussten wohl oder übel auch die Betreibergesellschaften akzeptieren: Die Dampfer wurden bevorzugt und waren schliesslich sogar gut für das Image ihrer Betreiber. Es wurden alte Schiffe zu beliebten schwimmenden Denkmalen, als komfortable Zeitzeugen einer verschwundenen Epoche, gleichermassen geschätzt von Einheimischen, wie auch wieder von Touristen aus aller Welt. Dies rechtfertigt den weiteren Betrieb, obwohl Dampfer nicht mehr rentabel sind.

 

Das hat sich in jüngster Zeit wiederum in vielerlei Hinsicht geändert. Zunächst sind die altehrwürdigen Dampfer wieder schleichend zur Selbstverständlichkeit geworden. Dann ist es ja schon immer so gewesen, dass die junge Generation das Gegenteil seiner Eltern tut. Schiffe haben folglich nicht mehr Priorität, und damit auch die Dampfschiffe nicht.

 

Zudem sind die Betriebsbedingungen laufend verschärft worden. Nebst reduzierter Arbeitszeit und verbesserten Arbeitsbedingungen sind die Sicherheitsstandards laufend erhöht worden. Auch spielen mit der Klimaerwärmung die Emissionen und der aus heutiger Sicht äusserst schlechte Wirkungsgrad der Dampfmaschine eine immer grössere Rolle. «Umweltneutral» ist eine Forderung für die Zukunft.

 

All das wirkt sich zusätzlich negativ auf die Wirtschaftlichkeit der Dampfschiffe aus, auch bezüglich Personal- und Betriebsaufwand und wird so letztlich zu einer Belastung, besonders dann, wenn die gleichen Fahrpreise, wie bei modernen umweltschonenden, aber auch ökonomischen Schiffen verlangt werden. Kommt hinzu, dass sie tendenziell anfälliger sind auf Störungen (historische Technik) und wohl das meiste Einzelanfertigungen sind, wenn Ersatzteile nötig werden. Wie viel vom alten Dampfer ist überhaupt noch alt? Meistens sind es nur noch ein paar Spanten und natürlich die Dampfmaschine. Fast alle Aufbauten sind neu aus Aluminium und die nautische Technik, aber auch die Gastronomie soll dem neuesten Stand entsprechen.

 

Es wird damit immer schwieriger, die teils weit über 100-jährigen Dampfer in einen aktuellen zeitgemässen Gebrauchszustand zu bringen, wohlgemerkt alltagstauglich.

 

Die Bedeutung der Binnenschifffahrt ganz allgemein

Während der ersten rund hundert Jahre seit der Einführung der Dampfschifffahrt war Komfort von geringster Priorität, denn die Hauptaufgabe der Schiffe waren Transporte. Erst mit dem Aufkommen des Tourismus konnte sich eine Vergnügungsschifffahrt etablieren.

 

Jetzt erleben wir einen weiteren Wandel, indem die Binnenschifffahrt als Freizeitvergnügen laufend an Bedeutung zu verlieren scheint, abgelöst durch andere Angebote. Ein immer breiteres Freizeitangebot samt unzähliger Sportarten, unter anderem E-Bikes, auch im Gebirge, ist eine bedeutende Alternative vor allem für jüngere Menschen geworden. Selbst das gute alte Wandern ist wieder äusserst beliebt geworden. Da ist man allein unterwegs, und zwar dorthin, wo man gerade möchte. So sind an sonnigen Tagen stark besetzte Schiffe kein attraktives Angebot, derweil bei «schlechtem» Wetter die leeren Schiffe auf Fahrgäste warten.

 

Bestimmt hat aber auch der förmlich explodierende Tourismus auf Kreuzfahrtschiffen auf hoher See einen gewissen Einfluss auf die abnehmende Bedeutung der Binnenschifffahrt. Es ist schon verlockend, wenn man alles inklusive 7 Nächte für deutlich weniger als 2000 Franken (samt Flug) erleben kann. Während die Binnenschifffahrt zunehmend «angestaubt» wirkt, scheint die Nachfrage nach Rundum-Verwöhn-Programmen auf den Weltmeeren ungebrochen.

 

Die Betreibergesellschaften

Es steht und fällt mit den Entscheidungsträgern. Einige sind unabhängig, aber häufig sind es Trägerschaften (privat oder öffentlich-rechtlich), die auch noch ein gewichtiges Wörtchen mitreden. Letztlich sind es aber die Entscheide der einzelnen verantwortlichen Personen, also Direktoren, Geschäftsführer und dergleichen, welche das Geschehen und die Zukunft bestimmen.

 

Gerade jetzt, wo einzelne Gesellschaften rückläufige Fahrgastzahlen beobachten, führt das zu finanziellen Einbussen. Dies wiederum zwingt zu wirtschaftlichen Überlegungen, wie Angebotsbeschränkungen und Leistungsabbau. So etwa auf dem Luganersee, wo die Gastronomie stark reduziert wurde und die Schiffe fast nur noch reine Transportmittel sind.

 

Auf dem Genfersee (Lac Léman) sind die schlechten Nachrichten schon richtig zur ungeliebten Gewohnheit geworden. Für unzählige Millionen von Spendengeldern frisch grundsanierte historische Schiffe gehen laufend kaputt und müssen aus dem Verkehr gezogen werden. Da kommt es wie eine Ohrfeige für die grosszügigen Spender, wenn die neue Direktion öffentliche Beiträge von weit über einer halben Milliarde Franken fordert, damit die Schifffahrtsgesellschaft weiter betrieben werden kann. Damit nicht genug. Es scheint schon beschlossene Sache, dass die schönen Raddampfer nach 2025 auch im Jahr 2026 teilweise ausfallen werden wegen Werftaufenthalten. Da wird man als Unbeteiligter schlicht den Eindruck nicht los, dass schleichend das Wissen um die alte Dampftechnik und die historischen Schiffe verloren geht.

 

Wie wohltuend ist es da, dass in der Zentralschweiz auf dem Vierwaldstättersee weitgehend pannenfrei fünf echte Raddampfer im Sommer für die Fahrgäste unterwegs sind. Mehr noch, man macht sich bei der Geschäftsleitung Gedanken über die Zukunft, indem man sich neue unkonventionelle Angebote ausdenkt. Warum nicht einen luxuriösen Raddampfer aus der Belle-Epoque wieder als stressfreies Luxusschiff, als knapp 5-stündige Kreuzfahrt auf dem See einsetzen für ein Publikum, dass dieses zu schätzen weiss? Früher sind die Schiffe ja auch für die «wohlhabende Gesellschaft» unterwegs gewesen.

 

Wie erwähnt, es steht und fällt mit den zuständigen Verantwortlichen. So auch ob mit der nötigen Erfahrung die einzelnen Einheiten auf einen Kurs eingesetzt werden, den sie gut bewältigen können, vom Fahrplan her und vom Fahrgastaufkommen. Ein Thema, dass bestimmt schon seit Beginn der Freizeit-Schifffahrt für Diskussionen sorgt.

 

Die Mitarbeiter auf dem Wasser

Noch wertvoller als die Schiffe sind die Mitarbeiter, welche diese zum Leben erwecken. Was wäre ein Schiff ohne erfahrene und verantwortungsvolle Mannschaft? Was wäre die (in der Regel) dazu gehörende Gastronomie ohne freundliches, kompetentes und dienstfertiges Personal?

 

Es pfeifen es aber bald die Spatzen vom Dach: Gute Dampfmaschinisten mit der langjährigen nötigen Erfahrung sind äusserst rar und dementsprechend gesucht. Das hat seinen guten Grund hauptsächlich darin, dass die Arbeit mit der Dampfmaschine hoch spezifisch ist und nur auf einem Dampfschiff gelernt werden kann. Dabei ist es in den Maschinenräumen im Sommer heiss und stickig und man hat eine grosse Verantwortung für den sicheren Betrieb der über hundertjährigen Maschine.

 

Es ist naheliegend, dass dadurch vorhandenes Wissen und vorhandene Erfahrung nicht mehr ausreichend weiter gegeben werden kann und tendenziell im Betrieb mehr Fehler mangels Erfahrung gemacht werden.

 

Aber auch das Fahrpersonal trägt viel Verantwortung und muss langjährige Erfahrungen sammeln, um sich auch in schwierigen Situationen richtig verhalten zu können. Jedes Schiff reagiert sehr unterschiedlich, die nautischen Bedingungen sind auf jedem See anders (Strömungen, Wetter, …) und letztlich ist der Schiffsführer für sehr viele Fahrgäste verantwortlich.

 

Diese Mitarbeiter sind alle nicht auf dem offenen Stellenmarkt zu finden und müssen sorgfältig und langjährig in ihre Aufgabe eingeführt werden. Die Mitarbeit bei einer Schifffahrtsgesellschaft sollte nicht einfach ein kurzzeitiger Job sein, sondern Berufung aus Leidenschaft und Begeisterung.

 

Dementsprechend müssten diese Mitarbeiter auch die nötige Wertschätzung samt entsprechender Bezahlung erhalten. Sonst sind Unzufriedenheit und Frustration die konsequente Folge.

 

Die Menschen als Passagiere

Die Leute scheinen immer selbstgefälliger, egoistischer und auch konsumorientiert zu werden. Das bestätigt sich in der ständigen Zunahme von Single-Haushalten, also einzelnen Menschen, die für sich allein leben. Das bestätigt sich im florierenden Online-Handel: Heute bestellt – morgen geliefert – übermorgen bereits wieder im Abfall. Noch verstärkt wird dies durch die grosse Verbreitung und Akzeptanz von Social-Media. Man hat scheinbare Freunde, ohne sich selber einschränken zu müssen. Dies wird bei einer wachsenden Anzahl von Menschen zur Sucht und somit zum Problem.

 

Passend dazu findet der Dampferfreund im Internet das billigste Angebot, um sich dann seine Fahrten «hineinzuziehen» ― cool! Die Dampfer werden so durchaus auch zu sozialen Begegnungsstätten aus Angst vor Einsamkeit.

 

Es braucht eine Lobby

Dampfschiffe erhalten sich nicht von allein. Es braucht Leute mit viel Überzeugung und Engagement, die sich persönlich dafür einsetzen. Es reicht dazu nicht, auf irgendeiner Social-Media Plattform seine Empörung auszudrücken, sondern es erfordert einen persönlichen Einsatz.

 

Dafür geeignet sind ganz bestimmt die bestehenden Organisationen. Es gibt mittlerweile für alle bedeutenden Schifffahrtsgesellschaften auch eine Dampferfreunde-Organisation, die der Schifffahrtsgesellschaft einerseits auf die Finger schaut, aber anderseits auch hilft, wo es sinnvoll und möglich ist, sei es mit Spendensammlungen oder mit Veranstaltungen.

 

Allerdings ist zu vermuten, dass diese Organisationen zunehmend überaltert sind. Es braucht mehr junge initiative und dynamische Mitglieder, die auch diesen Vereinigungen auf die Finger schauen. Es besteht überdies der Verdacht, zum Beispiel am Genfersee , dass sich die ABVL und die CGN zu nahe stehen, als dass wirklich ernsthafte Kritik geübt werden kann.

 

Jene Leute, die um 1970 die Dampfer in der Schweiz gerettet haben sind jetzt alle im Ruhestand. Sie haben sich damals vor bald 60 Jahren auch schon weit genug hinaus gelehnt, so dass sie jetzt das Engagement durchaus jüngeren Dampferfans überlassen können.

 

Es liegt an der jungen Generation, ob in Zukunft weiterhin Dampfer fahren werden!

 

Zu meiner Person
Ich bin in der Dampfschiff-Szene lieber im Hintergrund, beobachte aber das Geschehen seit über vierzig Jahren, seit ich meine liebe Ehefrau kennen gelernt habe. Selber habe ich jenen Verein, während 21 Jahren geleitet, der im ehemaligen Zürcher Gaswerk Schlieren während zehntausenden von Stunden die 300 PS Sulzer-Dampfmaschine mit Schwungradgenerator von Grund auf restauriert hat. Ganz privat war ich von 2001 bis 2017 Skipper auf dem damals ältesten Dampfschiff der Schweiz, dem Dampfboot Charlotte, welches seither im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern ausgestellt ist.