Die Klein-Fahrgastschiffe aus Korneuburg

Severin Schenner
Nach Unterzeichnung des Staatsvertrages am 15. Mai 1955 und dem Abzug der Truppen der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs entspannte sich zunehmend die Teilung Österreichs und dem Aufschwung des Fremdenverkehrs waren damit die Türen geöffnet. Während die zehn Jahre davor hauptsächlich damit geprägt waren, die Schiffe wieder so Instand zu setzen, dass ein Betrieb damit erfolgen konnte, setzte nun langsam eine Erneuerungswelle ein.

Donaubusse

Von 1955 bis zur Ausgliederung 1959 stand die Korneuburger Schiffswerft ja wieder in Besitz der DDSG und so sind dort 1957 die drei sogenannten Donaubusse entstanden. Während der Schiffskörper in kombinierter Quer- und Längsspantenbauweise durch die Werft Korneuburg erbaut wurde, wurde der Aufbau und die Ausrüstung durch die Wagenfabrik «Lohner Werke GmbH Wien» (heute Teil des Bombardier/Alstom Konzerns) geliefert, wobei die Ausstattung der Fahrgasträume wahrlich eines Busses oder Trams jener Zeit entsprach. Bei einer Länge ü.a. von 22,20 Meter und einer Breite ü.a. von 4,50 Meter verfügten die Donaubusse über 2 MAN-Antriebsmaschinen mit jeweils 110 kW Leistung auf Ostermann-Propeller und waren damit für die Fliessgeschwindigkeiten der Donau, speziell für die Wachau und den Strudengau ausreichend motorisiert.

 

Das Raumkonzept war relativ einfach konzipiert: Einstieg und Fahrstand mitschiffs über dem Maschinenraum-Schott, mit den Abgängen zur Vorschiff-Fahrgastkabine und zur Achteren-Fahrgastkabine, wo an der rückwärtigen Wand jeweils Back- und Steuerbord WC´s situiert wurden. Ein kleines Achterfreideck bot zudem Plätze im Aussenbereich.  Das Fassungsvermögen wurde mit 113 Personen und 2 Besatzungsmitgliedern festgelegt.

 

Die runden Panoramafenster im Dach gaben den Schiffen ihr markantes Aussehen und liessen die die Fahrgastkabinen hell erscheinen, zudem boten sie dem Fahrgast eine uneingeschränkten Sicht nach aussen. Die ursprünglich im Heckspiegel mündenden Abgasstränge wurden später als «Schornsteine» über das Freideck geführt und das Freideck mit einen Planenverdeck überdacht.

 

Die Schiffe erhielten die Namen Maria – Juliane und Kriemhild und wurden vorrangig im Lokalverkehr der Wachau und in Wien (Donaukanal) eingesetzt. Mit Indienststellung der grösseren DDSG-Fahrgastschiffe (Austria, Wachau, Vindobona, Admiral Tegethoff und Prinz Eugen) verloren die Donaubusse zunehmend ihre Verwendung.

 

MS Kriemhild

Die «Kriemhild» wurde 1975 an die ÖBB-Bodenseeschifffahrt verkauft, welche das Schiff etwas adaptiert (Abgasstrang wieder durch den Spiegel, Freideck überdacht) zunächst als «Montafon» (II) einsetzte, ehe es 1987 um 5,50 Meter verlängert und mit kompletten neuen Aufbauten versehen wurde. Es steht nach wie vor bei den Vorarlberg-Lines in Verkehr und kann max. 160 Personen befördern. Da das Steuerhaus klappbar ausgeführt ist, kann es auch die Fahrgebiete am Untersee und Rhein befahren.

 

MS Juliane

Die «Juliane» wurde 1976 an die DDSG Cargo verkauft, teilweise umgebaut und steht fortan als Werkstatt-Schiff im Hafen Linz in Einsatz. In der Werft Bratislava wurde 2010 ein neuer, kantig-blauer, Aufbau aufgesetzt.

 

MS Maria

Die «Maria» stand bis 1987 im Dienste der DDSG und war bis dahin im Donaukanal im Rundfahrtverkehr eingesetzt, ehe es an die Donauschifffahrt Ardagger verkauft wurde. Diese setzte das Schiff erfolgreich im Strudengau für Ausflugsfahrten ein. Einer der Miteigentümer, der Tischlermeister Max Damböck  stattete das Schiff mit einem neuen Innenausbau aus. 2006 übernahm KR Fritz Leitner den Schifffahrtsbetrieb und führte ihn bis zu seinem Tod am 24. Januar 2025.

 

Die Zwillinge vom Millstätter See

Als die Region am Millstätter See vom aufstrebenden Tourismus profitierte setzte dort eine Erneuerung der Flotte ein. Analog den identen Abmessungen der Donaubusse wurde 1957 die «Kärnten» und 1962 die «Millstatt» gebaut und in Betrieb genommen. Bei gleichen Raumkonzept für 115 Personen mit Einstieg, Fahrstand und Abgängen zu den Fahrgastkabinen über dem Maschinenraum-Schott mittschiffs, wurden diese Einheiten jedoch nur mit einer Wellen-Antriebsanlage ausgerüstet. Der Innenausbau und finale Ausrüstung erfolgte dabei in Eigenregie der «Millstätter See Schifffahrtsgesellschaft». Beide Schiffe waren als reine Sommerschiffe konzipiert, insbesondere die «Millstatt», welche im Achterdeck offen, jedoch Überdacht ausgeführt wurde.

 

MS Kärnten

Mit Ankauf des Fahrgastschiffes Oberösterreich vom Traunsee, wurde 2000 die «Kärnten» an den Altausseer See verkauft und dort bis Dezember 2009 als «Erzherzog Johann» erfolgreich eingesetzt. Danach erfolgte der Verkauf und Transport nach Tschechien, zunächst als «Porta Bohemica 2» an die Elbe, seit einiger Zeit ist es als «Horácko» am Stausee Dalesíce in Verkehr. In Tschechien wurde am sonst fast unverändertem Schiff ein kleines Oberdeck auf die achtere Kabine aufgebaut.

 

MS Millstatt

Die «Millstatt» wurde bis 2012 weiterhin eingesetzt und danach an den Hotelier Koller verkauft, welcher dieses 2013 in der ÖSWAG Linz zum Relax-Schiff umbauen liess und vor seinem Hotel in Seeboden am Millstättersee als Koller´s Swan abstellte. Zudem wurde ein Steyr M1 Diesel mit 156 PS eingebaut.

 

Die Kärntner Drillinge

Als Prototyp dieser Serie entstand 1965 die «Seeboden» für die Millstätter See Schifffahrtsgesellschaft. Diesem folgten dann 1966 die «Klagenfurt» und die «Wiesbaden» für die Wörthersee Schifffahrt der Stadtwerke Klagenfurt.

 

Die drei Schwesterschiffe haben identische Hauptabmessungen in der Länge ü.a. von 23,21 Meter und einer Breite ü.a. von 5,30 Meter als Ableitung der Donaubusse und sind als 2-Deck Fahrgastschiffe für ursprünglich 180 Personen und 2 Mann Besatzung konstruiert.

 

Alle sind mit einfallendem Spiegelheck, einer Einzel-Wellenanlage und paradoxerweise mit langen Flussrudern ausgeführt. Vom Raumkonzept sind die Fahrgastschiffe mit abgesenkten Vor- und Achterschiffkabine mit runden Panoramafenstern am Dach, ähnlich den Grachtenbooten in Amsterdam, versehen. Mittschiffs befindet sich der Einstieg, achtern davon jeweils Back- und Steuerbordseitig eine Toilette, sowie der Abgang zur Achterkabine und der (steile) Aufgang zum freien Oberdeck. Nach vorne schliesst der Steuerstandturm sowie steuerbords der Abgang zur Vorschiffkabine und backbords der Aufstieg zum Steuerstand an. Jeweils umlaufende Fenstergalerien im Verlauf der Steuerhaus-Fenster geben dem über den Maschinenraumschott gelegenen Einsteigdeck einen lichtdurchfluteten und grosszügigen, um nicht zu sagen grösser als tatsächlich wirkenden Raum.

 

Dieses setzt sich auch in den Fahrgastkabinen fort, welche dem Fahrgast einen weiten Blick bieten. Die beschränkte Stabilität aufgrund der Schiffsbreite ermöglichte nur ein kleines Oberdeck auf der achteren Kabine, welche ursprünglich als umlaufende Bank ausgeführt wurde. Das bei Inbetriebnahme fehlende Bordbuffet wurde bei allen drei Schiffen im Laufe der Jahre dann auch nachgerüstet.

 

MS Seeboden

Die «Seeboden» steht nach wie vor im fahrplanmässigen Einsatz, gemeinsam in Konkurrenz zum Lux-Schiff Kärnten. Im Jahre 2010 wurde es mit einem zeitgemässen Innenausbau und 2015 mit einem neuen Dieselmotor ausgestattet. Das Farblayout im Corporate-Design der Schifffahrtsgesellschaft nehmen dem Schiff die gewiss vorhandene Eleganz. Von den drei Schwestern ist dieses Schiff noch weitgehendst dem Urzustand entsprechend.

 

MS Wiesbaden

Die «Wiesbaden» stand bis 1989 unverändert in Dienst der Wörthersee Schifffahrt, und wurde im Auftrag der STW Klagenfurt einem grösserem Umbau unterzogen, um das Schiff als Sonder- und Charterschiff weiterhin etablieren zu können. Dabei wurde ein Bar in das Vorschiff eingebaut, anstatt der Toiletten wurden jeweils beidseitig gewendelte Treppen zum Oberdeck eingebaut, der Abgang zum Achtersalon in die Mittelachse verlegt und die Toilette unter die backbordseitige Treppe verlegt, wobei der Zugang über den Salon erfolgt. Verspielte Rundrohre versuchen am Aufbau die vorhandene Silhouette zu brechen. Anstatt der Schiebetüren am Einsteigdeck wurden zweiflüglige Drehtüren montiert. Mit der Teilprivatisierung der Wörthersee Schifffahrt 2008 und vollständiger Übernahme 2010 erfolgte eine nochmalig Adaption, wobei das Schiff nun ein gelbes Layout anlog, eines Bankkonzerns bekam und dafür Reklame macht und auf «Velden» umbenannt wurde.

 

MS Klagenfurt

Die «Magdalena», ehemals als «Klagenfurt» und ab 1974 bis 2006 als «Maria Wörth» in Betrieb der Wörthersee Schifffahrt wurde 2006 an die Drau Schifffahrt Kärnten für den Völkermarkter Stausee verkauft. Nach anfänglich grossem Engagement mit komplett neuem Innenausbau, Aufbau neuer Sonnendecks, setzte Zusehens die Fluktuation beim Schiffspersonal und der Verfall des Schiffes ein, welches 2023 in die Insolvenz des Schifffahrtsbetriebes führte. Der gestalterisch lieblose Umbau, vorrangig durch das Aufsetzen einer Krone anstelle der Panorama-Dachfenster und aufsetzen eines Oberdecks mit Niro-Geländer am Vorschiff hat dem Schiff zum einen die Eleganz und zum anderen die Wirkung im Fahrgastraum genommen.

 

Auch haben sich die Komfort- und Betriebsansprüche wesentlich verändert, dass bezweifelt werden kann, dass das Schiff wirtschaftlich darstellbar weiterhin in Verwendung stehen kann. Für die originale Antriebsmaschine von Deutz sind Ersatzteile äusserst schwer zu beschaffen, der Aufbau ist stark durch Rost befallen und die mit Gummiprofil eingezogenen Einscheibengläser sind alles andere als dicht. Die elektrische Anlage und nautischen Einrichtungen entsprechen nicht mehr den heutigen Sicherheitsanforderungen. Kurzum mit Waschbürste und Farbe ist die Zukunft nicht erledigt.

 

Fazit

In der Zeit ihrer Inbetriebnahmen stellen diese Fahrgastschiffe ein Novum dar, welche den Grundstein für weitere Entwicklungen und Gestaltungen ermöglichten. Da sie heute noch in Verwendung stehen, zeugt mit welcher hohen Qualität die Schiffe ausgeführt wurden. Abgesehen von den Donaubussen stellten auch die Lieferungen und Endmontage an den Seen eine logistische Herausforderung dar, wenn man bedenkt, dass das Strassennetz bei weitem nicht so ausgebaut war, wie wir dieses heute vorfinden!

 

Übersicht der in Korneuburg gebauten Klein-Fahrgastschiffe

 

Literaturhinweis

Arnulf Dieth: ROT-WEISS-ROT auf dem Bodensee

Hecht Verlag 1995,  ISBN 3-85298-013-5

 

DZ Nr.201 (2/2020)

Beitrag Franz Dosch: Fahrgastschiffe aus Korneuburg

 

Binnenschifferforum

 

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