140 Jahre Dampfschiff Pillnitz

Michael Kaiser*
Um 1884 wurde es notwendig, neue Schiffe zu bauen, weil die Fahrgastzahlen durch den gestiegenen Ausflugstourismus in die Sächsisch-Böhmische Schweiz, sowie den zunehmenden Zubringerverkehr in die grösseren Elbstädte drastisch gestiegen waren. Besonders an den Wochenenden musste die Sächsisch-Böhmische Dampfschiffahrts-Gesellschaft grosse Besucherströme bewältigen.

Die neuen Dampfer erbaute man als Glattdeckschiffe mit einer neuen, erstmals erreichten Länge von etwa 60 Meter. Getauft hatte man sie damals in «König Albert» (heute «Meissen») und «Königin Carola».

 

Carola von Wasa-Holstein-Gottorp, geborene Prinzessin von Wasa, war die letzte Königin von Sachsen und engagierte sich aktiv im karitativen Bereich. Sie wurde am 5. August 1833 in Wien geboren und starb am 15. Dezember 1907 in Dresden. Carola war bekannt für ihre Arbeit im Aufbau neuer sozialer Institutionen im Königreich Sachsen, wie Pflege- und Schulungseinrichtungen, und setzte neue Impulse in der Wohltätigkeits-, Armen- und Krankenfürsorge.

 

Eine Besonderheit in der Historie der Schiffe stellen die zahlreichen Umbauten bis heute dar. Den eisernen Schiffskörper fertigte die Werft in Dresden-Blasewitz ab 1885 mit nach hinten ausgebauten Radkästen unter der Registriernummer 38. Die Dampfmaschine und den Kessel lieferte die Sächsische Dampfschiffahrts- und Maschinenbauanstalt der Österreichischen «Nordwest» Dampfschiffahrtsgesellschaft, Dresden-Neustadt. Die «Königin Carola» erhielt eine 120 PS starke oszillierende Zweizylinder-Zwillingsmaschine mit Schiebersteuerung und Einspritzkondensation und einen Dreiflammrohr-Kofferkessel (2 atü Druck) für die Dampferzeugung. Als Schaufelräder wurden zwei Patenträder mit je elf Schaufeln eingebaut. Der Steuerstand befand sich am Heck mit einem waagerechten Handsteuerrad.

 

Inbetriebnahme

Am 27. April 1886 fand unter Böllerschüssen und im Rahmen des 50-jährigen Jubiläums der Schifffahrtsgesellschaft feierlich der Stapellauf statt. Am 15. Mai 1886 stellte man das Dampfschiff Königin Carola erstmalig der Öffentlichkeit vor und am 16. Mai 1886 erfolgte die Indienststellung. Am 8. Juli 1886 fand eine Jubiläumsfahrt anlässlich des Betriebsjubiläums der SBDG von Pirna nach Schandau und zurück nach Dresden statt.

 

Maschinenumbau

Bereits 1911/12 unterzog sich der Raddampfer einer ersten bedeutenden Rekonstruktion. Zur Leistungserhöhung in Richtung 200 bis 250 PS, wie man sie offenbar für Schiffe über 60 Meter Länge als erforderlich erachtete und bei den inzwischen weiter erbauten Dampfern als Erkenntnis gewonnen hatte, baute man die Maschine in eine oszillierende Zweizylinder-Verbundmaschine mit Schiebersteuerung und Einspritzkondensation um.

 

Damit konnte eine neue Leistung von 230 PS (170 kW) bei 37-45 U/min erzielt werden. Den Umbau führte die Werft Dresden-Übigau durch. Gleichzeitig tauschte man den alten, bedienungsaufwändigen Dreiflammrohr-Kofferkessel gegen einen neuen Zweiflammrohr- Zylinderkessel mit 10 atü Dampfdruck aus. Eine 6 PS starke Dampfsteuermaschine von der «KETTE» D. E. G. Dresden-Übigau, welche im Mittelschiff installiert wurde, erleichterte nun die Arbeit. Den Steuerstand verlegte man vom Heck, durch den Aufbau eines Steuerhauses auf die Kommandobrücke, über den Maschinenraum. Elektrisches Licht ersetzte nun die Petroleumbeleuchtung.

 

Erste Umbenennungen

Das DS Königin Carola erhielt 1919 den neuen Namen Diesbar. Es wurde von einer aufgebrachten Menschenmenge durch Steinwürfe am Radkasten beschädigt.

 

Durch die Inflation und die Gesellschaftsumbildung kam die «Königin Carola» 1923 zur NDBE (eigentlich ein Frachtschifffahrts-Unternehmen) und war ab 14. April im Einsatz als Eilfrachtdampfer Elida. Gegen eine jährliche Pachtzahlung von 5‘000.- Mark ist der Dampfer und der Kohlenkahn 62 von der NBDE zur Bewirtschaftung übernommen worden. Am 25. November 1924 fiel der Beschluss, den Dampfer wieder zurückzuführen und man überführte ihn er wieder zurück zur SBDA, bei der er wieder den Namen Diesbar trug.

 

Grosse Modernisierung und wieder ein neuer Name

Eine weitere, weitreichende Modernisierung trat für das über die Radkästen 11,25 m breite Glattdeckschiff 1926/27 ein. Der Schiffskörper wurde um 3,66 Meter hinter dem Kessel auf 64,20 Meter verlängert, ein Oberdeck von 14 Meter Länge aufgebaut, sowie ein hinterer Decksalon errichtet. Am 25. Juni 1927 fand eine Umbenennung des Schiffes mit dem neuen Namen Pillnitz statt.

 

Ab 1928 trug es erstmals einen weissen Anstrich.

 

1937 erhielt es einen neuen Maschinenoberframen und die Mittelwelle wurde zur besseren Kraftübertragung in eine feste Welle umgebaut.

 

Schlimmer Zweiter Weltkrieg

Ab 1943 fuhr das Schiff mit einem grün-grauen fleckigen Tarnanstrich.

 

Vom 29. Juli bis 6. August 1943 unternahm der Dampfer eine Evakuierungsfahrt im Raum Hamburg. Zu dieser Fahrt wurden ebenfalls die Dampfschiffe Meissen, Königstein, Krippen und Stadt Wehlen eingesetzt. Die drei zuletzt genannten Dampfschiffe gibt es heute nicht mehr. Man startete dazu am 24. Juli 1943 in Dresden und erreichte noch am selben Tag Magdeburg. Dort erhielt die «Pillnitz» durch die Besatzung einen grün-grauen fleckigen Tarnanstrich. Man evakuierte die bombengeschädigte Bevölkerung aus dem Raum Hamburg in das Oberelbe-Gebiet. Dabei sollte es aber nicht bleiben. Dresden wurde genauso wie Hamburg und zahlreiche weitere grosse deutsche Städte bombardiert. Der Personendampfer Pillnitz erlitt am 14. Februar 1945 eine leichte Beschädigung durch einen Bombenblindgänger während der drei aufeinander folgenden Angriffswellen auf Dresden.

 

Neuanfang

Nach der Reparatur kam es aber bald wieder in Fahrt, um bereits im Frühjahr des gleichen Jahres in den Wirren heimatloser Menschen Transportaufgaben durchführen zu können.

 

Im Spätsommer 1945 erhielt es wieder einen weissen Anstrich. Nach dem Ausfall der grössten Raddampfer der Flotte, «Dresden» und «Leipzig», sowie weiterer grosser Dampfer, welche als Reparationsleistungen abgeführt werden mussten, hatte es zusammen mit dem DS Meissen, immer stark überfüllt, vornehmlich die Tageshauptfahrten Dresden-Schmilka-Dresden zu absolvieren.

 

Ein neuer Name, der heute noch Bedeutung trägt

Seit 1952 trug der Raddampfer den Namen Weltfrieden.

 

Im Winter 1960/61 lag die «Weltfrieden» auf der Werft Laubegast, dessen Mitarbeitende Reparaturen am Schiff und der Maschine durchführte. Anstelle der Reling am Vorschiff bauten sie eine Blechbarriere.

 

Im Winterhalbjahr 1962/63 überholten die Werftarbeiter in Laubegast wieder Schiff und Maschine. Der Kessel wurde herausgenommen und repariert und nach dem Einbau ein Kesselhaus aufgebaut. Die E-Anlage modernisierten die Elektriker 1963/64.

 

Decksalon auf dem Vorschiff

Einen Decksalon über die gesamte Schiffsbreite mit 57 Plätzen errichteten die Laubegaster Werftarbeiter 1966/67 auf dem Vorderdeck. Dieser Salon brachte aber auch einen grossen Nachteil mit sich: Die geschlossenen Türen und Seitenfenster verschlechterten merklich die Belüftung des Maschinenraumes und der Kesselfeuerung. Der Vorderdecksalon besass bei weitem nicht die typische Salonatmosphäre, wie sie von den grösseren Salondampfschiffen und auch von den Luxus-Motorschiffen bekannt und beliebt war. Er war zum einen zum Mittelschiff hin nicht durch Türen abgeschlossen und zum anderen herrschte ein ständiger Durchgang zum Bug des Schiffes. Ferner wirkte ein Anlegemanöver mit Ausstieg an der Vorderschiffsmitte als sehr störend. In den Seitenwänden befanden sich Schiebetüren, die zum Anlegen geöffnet wurden und wobei jedes Mal innen der Tisch und das Gestühl zur Seite geräumt werden musste.

 

Die Werftarbeiter erneuerten 1968/69 den Steuerbord-Radkasten.

 

Auslandseinsatz

Vom 13. Mai 1972 bis im Jahr 1979 erfolgte der Einsatz alternierend mit dem Schwesterschiff Meissen mehrfach während der Hauptsaison als 2-Tagefahrt von Dresden-Ústí nad Labem-Litoměřice-Dresden im Vertragsverkehr mit dem Reisebüro der DDR.

 

Kesselproblem und Generalreparatur

Im Herbst 1979 liess die DSRK den Kessel nicht mehr zu. Die damalige Ölkrise gab den Anlass, die alten Dampfer nicht mehr ausser Dienst zu stellen, sondern nach Möglichkeit zu reparieren. Somit konnte man drei Neubaukessel in Dresden-Übigau bestellen. Der VEB Dampfkesselbau Übigau lieferte die drei neuen Kessel für die Dampfschiffe Stadt Wehlen, Weltfrieden und Meissen.

 

Ab dem 4. Juni 1981 begann die Rekonstruktion des DS Weltfrieden, welche einem Grossumbau glich. Man entfernte den Salon auf dem Vorschiff, baute einen neuen, schmaleren Salon mit beidseitigen Laufgängen zum Bug auf und veränderte den hinteren Salon ebenfalls. Mit dem neuen Dampfkessel mit 10 bar Druck und 1,8 t/h Dampfleistung erfolgte am 30. April 1983 die erste Fahrt.

 

Zum 150-jährigen Jubiläum der Personenschifffahrt auf der Oberelbe führte das nun 100jährige Dampfschiff Weltfrieden am 28. Juni 1986 den Festkorso der Jubiläumsflottenparade mit Ehrengästen an.

 

Historische Rekonstruktion und neuer alter Name

Nach der Übernahme der «Weissen Flotte» durch die Conti-Reederei am 23. November 1992 begann man den grössten Teil des Schiffsparkes zu rekonstruieren. Die Werftarbeiter in der Werft Laubegast hatten das Oberdeck abgebaut und das Dampfschiff am 3. Dezember 1992 vom Schleppdampfer Sachsenwald der Reederei Frenzel zur Werft Genthin schleppen lassen. Dort erfolgte eine Generalinstandsetzung von Schiff und Maschine und der Kesselumbau auf Leichtölfeuerung mit Weishaupt-Brennern. Mitte Mai brachte ein Schubboot das Schiff nach Laubegast zum weiteren Ausbau mit modernster Technik zurück. Bei der Rekonstruierung wurde grosser Wert auf die historisch originalgetreue Aussenansicht gelegt, so u. a. beim Steuerhaus, der kreuzweise mit Leinen bespannten Reling, beim Anstrich mit breitem grünem Streifen unterhalb der Fenster und sandfarbenen Radkästen, sowie dem schwarzen Schornstein.

 

Den neuen, alten Schiffsnamen Pillnitz malte man, wie früher üblich, halbrund auf den Radkasten. Darunter befindet sich eine 11-blättrige Rosette.

 

Die Innenausstattung erfolgte durch das Ingenieurbüro Vaupel & Partner aus Köln. Sie wurde in historischer Anlehnung geschaffen. Am 10. Juli 1993 kam der Personendampfer Pillnitz wieder in den Fahrdienst.

 

Reparaturen

Im Winter 2000/01 erhielt die «Pillnitz» einen neuen Niederdruckzylinder.

 

Im Winterhalbjahr 2002/2003 fuhr das Dampfschiff erstmals zur Werft nach Rosslau. Dort wurde der zuvor nur notdürftig instandgesetzte Backbord-Seitenframen der Maschine durch ein geschweisstes Neuteil ersetzt; ausserdem erneuerte man den Niederdruck-Schieberkastendeckel des Zylinders.

 

Im Winter 2005/06 folgte eine zweite Überholung in der Werft Rosslau. In Aken wurde das Schiff an Land genommen, wobei zahlreiche Platten des Schiffsrumpfes sowie der Steuerbord-Seitenframen der Maschine ausgetauscht wurden.

 

Im Winterhalbjahr 2014/15 erneuerte das Werftpersonal in Laubegast den Steuerbord-Radkasten.

 

Zur nächsten Winterinstandsetzung 2016/17 folgte dann die Erneuerung des Backbord-Radkastens.

 

Von September 2017 bis September 2018 lag das Dampfschiff Pillnitz in der Laubegaster Schiffswerft und die Dampfmaschine erhielt einen neuen Unterframen.

 

Im Winter 2019/20 tauschte man die Cummins-Hilfsdieselmotoren durch Volvo-Penta Hilfsdiesel mit neuen Generatoren aus.

 

Neubeginn nach Corona

Am 20. März 2021 fand auf Grund der Corona-Pandemie eine Fahrt «Geisterzug trifft auf Geisterschiff» mit dem DS Pillnitz statt. In beiden Verkehrsmitteln gab es keine Fahrgäste, nur einige Sondergäste. Man machte mit dem «Dampf ablassen» doppeldeutig auf sich aufmerksam. Sie begegneten sich an der Marienbrücke, warteten und pfiffen mit ihren Dampfpfeifen.

 

Der Linienverkehr wurde dann am 16. April 2021 auf der Strecke Dresden-Pillnitz-Dresden durch den Dampfer Pillnitz und MS Gräfin Cosel durch einen Trick wieder aufgenommen. Vorerst nur freitags bis sonntags. Die Schiffe fuhren im öffentlichen ÖPNV-Modus als Linie, ohne Gastronomie, vergleichbar mit Bus, Strassenbahn und Zug. Nur das durfte man Corona bedingt. Deshalb war der Fahrpreis auch nur in 5 € bis Blasewitz und 10 € bis Pillnitz gestaffelt. Die Rückfahrt musste man separat buchen. An Bord herrschte Maskenpflicht und auch die mitgebrachte Stulle durfte auf dem Schiff nicht verzehrt werden. Rundfahrten gab es nicht.

 

Jubiläumsjahr 2026

Gründlich überholt startet das DS Pillnitz im Jahr 2026 mit neuem weissem Anstrich in seine 140. Jubiläumssaison. Es erhält um seinen Geburtstag am 16. Mai eine Festwoche mit besonderen Aktivitäten.

 

* Michael Kaiser ist der verantwortliche Maschinist auf dem Personendampfer Stadt Wehlen und Mitglied im Historikerkreis Elbeschifffahrt.

 

Technische Daten 2026
Länge und Breite über Radkasten

65,71 m / 11,16 m

Tiefgang

0,90 m

Tragkraft

350 Personen

 

Über die Einsätze der «Pillnitz»» informiert Sie die Webseite der Weissen Flotte Sachsen.

 

Informationen über die Elbschifffahrt entnehmen Sie der Webseite des Historikerkreis der Elbeschifffahrt.

 

Mehr Informationen über die Schifffahrt auf der Elbe in Dresden können Sie auf der Webseite des Unternehmens entnehmen.