100 Jahre MS Konstanz

Robert Knöpfel
Die «Konstanz», befährt den Untersee und den Rhein zwischen Kreuzlingen und Schaffhausen seit 1925 nahezu ohne Unterbruch. Ihre Geschichte widerspiegelt auch einen Teil der Probleme der Schaffhauser Schifffahrtsgesellschaft.

Seit der Untersee mit Kursschiffen befahren wird, gaben die Fahrten zu den Gemeinden am Untersee und der Insel Reichenau immer wieder Anlass zu endlosen Verhandlungen zwischen den Schifffahrtsgesellschaften und den betroffenen Behörden. Die Fahrten können bis heute nicht wirtschaftlich betrieben werden. Aber die Bewohner der Insel Reichenau waren vor hundert Jahren auf die Schiffsverbindungen nach Konstanz und Schaffhausen angewiesen, wollten sie ihre Produkte auf den Märkten der beiden Städte verkaufen.

 

Motorbootverkehr auf dem Radolfzellersee

1922 erwirtschaftete die Deutsche Reichsbahn mit ihrem Schiffsbetrieb auf dem Radolfzellersee ein Defizit von 204 Mio. Reichsmark.

 

Wechselkursverschiebungen und die hohe Inflation in Deutschland waren die wesentlichen Ursachen für dieses Ergebnis. Zwar lässt sich der heutige Wert dieses Verlustes nicht genau beziffern, jedoch war das Defizit der Reichsbahn auf diesem Teil des Bodensees höher als das Ergebnis auf dem eigentlichen Bodensee, wo sie wesentlich mehr Fahrten ausführte. Die Reichsbahn sah sich ausser Stande den Schiffsbetrieb aufrechtzuerhalten.

 

Die damalige Schweizerische Dampfbootgesellschaft Untersee und Rhein war auch nicht in der Lage, den Seegemeinden regelmässige Schiffsverbindungen anzubieten. Es musste eine andere Lösung gesucht werden. Man nahm 1923 Gespräche mit der Stadt Konstanz auf. Diese betrieb mit Motorbooten einen lokalen Kursdienst und hatte Interesse daran, dass die Schiffsverbindungen zur Insel Reichenau nicht abbrachen. Die Stadt Konstanz erklärte sich bereit, ein Motorschiff zu finanzieren und dieses der Schweizerischen Dampfbootgesellschaft Untersee und Rhein zu vermieten.

 

Der Auftrag zum Bau des Schiffes erhielt die damals noch unbekannte Bodan-Werft in Kressbronn. Sie baute mit dem Motorschiff Konstanz ihr erstes Schiff mit Stahlschale, was als Markstein in die Geschichte der Werft einging.

 

Auf dem Untersee im Einsatz (1925-1934)

Am 1. Juli 1925 wurde das MS Konstanz in Betrieb genommen. Das Eindeckschiff, 22,6 Meter lang und 4,5 Meter breit, konnte 140 Personen mitnehmen. Es fuhr bis zu dreimal täglich die Strecke zwischen Kreuzlingen und Stein am Rhein. Wer mit dem ersten Dampfschiff am Morgen von Schaffhausen nach Kreuzlingen reiste, der musste in Stein am Rhein auf das MS Konstanz umsteigen. Das neue Motorschiff legte in den ersten drei Betriebsmonaten bereits 10‘000 Kilometer zurück.

 

Gemäss der ursprünglichen Vereinbarung sollte die Stadt Konstanz 120 Franken pro Tag als Miete für das Schiff und drei Mann Fahrpersonal erhalten. Mit dem Brief vom 4. September 1925 teilte die Stadt Konstanz der Schifffahrtsgesellschaft mit, dass die Aufsichtsbehörde in Bern für das MS Konstanz vier Mann als Besatzung verlange und dass die Baukosten sich auf 66’000 Reichsmark (82’500 Franken) belaufen und somit höher als geplant liegen. Daher müsse die Stadt Konstanz den Mietpreis um 25 Franken pro Tag erhöhen. Sie übernahm aber auch einen Teil des finanziellen Risikos, sie beteiligte sich am Erfolg des Motorbootbetriebes mit 37,5 %. Die Schaffhauser Schifffahrtsgesellschaft führte in ihren Büchern eine separate Buchhaltung, um die Berechnung des «Konstanzer Anteils» zu gewährleisten.

 

Im ersten ganzen Betriebsjahr 1926 beförderte das neue Schiff 47’326 Personen und legte 18’902 Kilometer zurück. Es erwirtschaftete einen kleinen Gewinn, der vertragsgemäss verteilt wurde. In den folgenden Jahren konnten die Frequenzen laufend gesteigert werden, bis 1929 die Rekordzahl von 56’259 Passagieren erreicht wurde. Finanziell blieb der Erfolg aber bescheiden. Der Motorbootbetrieb erbrachte noch einen Gewinn von 358.87 Franken, wovon die Stadt Konstanz 134.58 Franken erhielt.

 

Die Frequenzen gingen danach zurück. 1933 wurde ein Tiefpunkt erreicht. Das Deutsche Reich hatte grosse Devisenprobleme und führte den «Sichtvermerkzwang» für Grenzpapiere ein und unterband so den natürlichen Grenzverkehr. Allein an der Station Konstanz wurden 13’000 Passagiere weniger als im Vorjahr gezählt. MS Konstanz beförderte 1933 noch 22’872 Personen. Die Stadt Konstanz erhielt für ihr Schiff für dieses Jahr 29’355.85 Franken an Miete, musste aber einen Verlustanteil von 6’250.33 Franken übernehmen.

 

1933 wurden erste Versuche über den Einsatz der «Konstanz» auf der Rheinstrecke zwischen Stein am Rhein und Schaffhausen gemacht. Das Schiff übernahm den ersten Kurs am Morgen von Kreuzlingen bis nach Schaffhausen. Damit musste der erste Dampfer auf dem Gegenkurs natürlich auch, bis Kreuzlingen durchfahren, was von den Fahrgästen geschätzt wurde.

 

Die Direktion stellte zu Handen des Verwaltungsrates fest: «Das MS Konstanz hat sich auf dem Strombetrieb gut bewährt, sodass die Versuche unbedenklich für die Gestaltung des Fahrplans herübergenommen werden dürfen».

 

1934, die Dampfbootgesellschaft feierte ihr 70-jähriges Bestehen, lief der «Interessenvertrag» mit der Stadt Konstanz ab. Das nun liebevoll «Konstanzerli» genannte Schiff beförderte in diesem Jahr 31‘032 Personen.

 

Motorschiffe erweitern die Flotte (1935-1945)

Der Vertrag zwischen der Dampfbootgesellschaft und der Stadt Konstanz über das MS Konstanz wurde um ein Jahr verlängert, jedoch ohne eine Erfolgsbeteiligung. Somit musste auch keine separate Rechnung über den Motorbootbetrieb erstellt werden. Jedoch war eine allgemeine Sanierung der Schaffhauser Schifffahrtsgesellschaft notwendig. Ihre Dampfschiffe waren, mit Ausnahme des DS Schaffhausen, veraltet. Es wurde beschlossen, eine Anleihe von 314‘000 Franken aufzunehmen, um das MS Konstanz zu kaufen und zwei Motorschiffe («Munot» [I] und «Arenenberg» [I]) bei der Bodan-Werft in Auftrag zu geben.

 

Die Stadt Konstanz wollte ihr Schiff für 18‘000 Reichsmark verkaufen, dagegen war man in Schaffhausen der Ansicht, man habe mit den jährlichen Mietzahlungen das Schiff bereits abbezahlt. Mit dem Vertrag vom 9. Juli 1936 beteiligte sich die Stadt Konstanz an der Schaffhauser Gesellschaft mit 18’000 Franken und gab als Gegenwert ihr Schiff als Einlage an Stelle einer Zahlung. Es wurde vertraglich festgelegt, dass das Schiff seinen Namen zu behalten hatte.

 

1937 brachte die im Vorjahr vorgenommene Frankenabwertung eine finanzielle Besserung. Die drei Motorschiffe hatten einen grossen Anteil am Verkehrsaufkommen. Die folgende Aufstellung der gefahrenen Kilometer soll dies verdeutlichen:

 

  • MS Konstanz 23’791 Kilometer
  • MS Arenenberg 22’887 Kilometer
  • MS Munot 21’489 Kilometer
  • DS Schaffhausen 10’576 Kilometer
  • DS Schweiz 4’822 Kilometer
  • DS Neptun 1’547 Kilometer

 

Das DS Hohenklingen war während der ganzen Saison wegen Revisionsarbeiten auf Stapel.

 

1940, die Schaffhauser Gesellschaft wurde 75 Jahre alt, änderte sich das Bild mit der 2. Generalmobilmachung vom 10. Mai schlagartig. Total wurden im ersten Kriegsjahr noch rund 25’000 Kilometer gegenüber 75’000 bis 85’000 Kilometer in Friedenszeiten gefahren. Das «Konstanzerli» legte noch 3’816 Kilometer zurück. Es herrschte grosser Mangel an Diesel und Kohle, jedoch konnten die Dampfschiffe mit Holz gefeuert werden und wurden daher mehr als die Motorschiffe eingesetzt.

 

Im Juli 1941 sank der Personalbestand der Gesellschaft auf vier Mann (normal war ein Bestand von 18 Personen). Zwölf Männer hatten den Marschbefehl erhalten und standen im Dienst der Armee. Während dieser Zeit konnte der Schiffsverkehr noch an zwei Wochentagen, donnerstags und sonntags, aufrechterhalten werden. Dabei wurden teilweise die Besatzungen sonntags vom Wehrdienst beurlaubt, um auf den Schiffen arbeiten zu können! MS Konstanz fuhr 1944 nur noch 1’216 Kilometer. In diesem Jahr wurden die bisher regelmässig durchgeführten Gesellschaftsfahrten ab Zürich mit Schifffahrt auf dem Rhein eingestellt. Man befürchtete Bombardierungen.

 

Im Schiffsbuch «Reparaturen MS Konstanz» findet sich unter dem Jahr 1940 folgender Eintrag: «Bei einem Schiffsverstellen vom oberen an den unteren Anlegeplatz in Schaffhausen Mitte September 1940, konnte der diese Arbeit ausführende Schiffsführer das Schiff im Strömungsverlauf nicht mehr abbremsen, wodurch dasselbe hinten mit der Feuerthalenbrücke kollidierte. Namentlich hintere Backbordseite einige Dachstützen eingedrückt wurden und Dach selbst etwas eingedrückt.»

 

Das Hochzeitsschiff (die Jahre nach 1945)

Nach dem Krieg wurde 1945 auf Grund der eingeschränkten Verwendungsmöglichkeiten ein Umbau geprüft. Der gute Zustand der Schiffsschale rechtfertigte dies. Ein stufenweiser Umbau wurde verworfen. Der Umbau erfolgte im Winter 1946/47. Der Verwaltungsrat prüfte Offerten für eine neue Antriebsanlage bei Sulzer – er besichtigte die Firma und das angebotene Motorenmodell direkt in Winterthur – während bei Saurer in Arbon nur eine Zeichnung im Massstab 1:1 zu sehen war. Auf Grund der kleineren Ausmasse und der einfacheren Bedingung wurde ein 100-PS-4-Zylinder-2-Takt Motor niederer Bauart (Typ 4ZGR9) bei Sulzer bestellt. Die Motorenhaube auf dem Hauptdeck des Schiffes konnte dadurch beseitigt werden.

 

Der Auftrag für den Umbau der Kabine ging an die Firma Gebrüder Faul in Horgen. Nach einer Besichtigung des MS Halb-Insel AU, das für den Zürichsee von der Faul-Werft umgebaut worden war, bestellte man einen «heimeligen Aufenthaltsraum». Die gesamten Umbaukosten beliefen sich auf 66‘718.10 Franken. Dem Schiff wurde nun ein ausserordentlich ruhiger Gang, frei jeglicher Vibrationen, attestiert.

 

Das «Konstanzerli» wurde nun sehr gut unterhalten, es war beinahe jedes Jahr auf Stapel. Im Winterhalbjahr 1959/60 wurden bei einer Hauptrevision auf der Werft in Langwiesen in die hintere Kabinenwand zwei grosse Fenster eingebaut. Dies gewährleistet eine gute Sicht über das Heck nach draussen. Auch wurden die Einstiegsmöglichkeiten zum Schiff verbessert.

 

Im Oktober 1960 wurde auf der Bodan-Werft in Kressbronn die Ruderanlage durch eine leistungsfähigere ersetzt. Das neue Ruder mit Vorderblatt verbesserte die Steuerfähigkeit um 50%. Gleichzeitig wurde vorne eine Querwand als Windschutz und ein um 70 Zentimeter erhöhter Steuerstand mit abnehmbarem Steuerhaus eingebaut. Das Schiff wurde nun vermehrt für Extrafahrten und Hochzeitsgesellschaften eingesetzt. Bald war es das «Hochzeitsschiff».

 

Zwei neue Schiffe verdrängen das MS Konstanz von den Kursfahrten

Da in den Jahren 1956 (MS Kreuzlingen) und 1957 (MS Stein am Rhein) neue Motorschiffe zur Flotte kamen, wurde das MS Konstanz weniger für Kursfahrten benötigt. Der grosse Erfolg dieses Hochzeitschiffes veranlasste 1965 die Gesellschaft ein zweites kleineres Schiff, das MS Ursula, aus Deutschland anzukaufen.

 

Im Juni 1975 erlitt die «Konstanz» einen Motordefekt. Durch Überhitzung frass sich der Spülpumpenkolben fest und wurde durch den Pleuel zertrümmert. Verursacht wurde die Überhitzung dadurch, dass kein Wasser mehr angesogen werden konnte. Man vermutete eine Verstopfung durch einen Plastiksack.

 

Aus Anlass des Jubiläums «50 Jahre MS Konstanz» wurden im Dezember 1975 gut frequentierte «Märlifahrten» für Kinder durchgeführt.

 

1981 wurden die Sulzer-Motoren aus dem Jahr 1946 durch einen Cummins-4-Takt-Dieselmotor V504M ersetzt. 1983 verkaufte die Schifffahrtsgesellschaft (URh) in Schaffhausen das zweite « Hochzeitsschiff», MS Ursula, auf den Hallwilersee.

 

Am 14. Januar 1984 legte ein heftiger Sturmwind eine hohe Pappel des Werftareals in Langwiesen um. Sie fiel direkt auf die an der Werftmole festgemachte «Konstanz». Die Aufbauten wurden in erheblichem Masse beschädigt. Die Reparatur erforderte einen Aufwand von 72’000 Franken. Bei dieser Gelegenheit wurde die achtere Kajütenwand nach hinten versetzt, sodass im Fahrgastraum 15 zusätzliche Sitzplätze gewonnen werden konnten. Für diese seit längerer Zeit gewünschte Verbesserung wurden 35’000 Franken investiert.

 

75 Jahre MS Konstanz

Zum Jubiläum wurden am 2. Juli 2000 Pendelfahrten zwischen Schaffhausen und dem «Paradies» durchgeführt und im Juli und August war der Oldtimer einmal wöchentlich für nostalgische Sommernachtsfahrten im Einsatz.

 

Eine Verjüngungskur

2005 stand eine Überprüfung durch das Bundesamt für Verkehr an. Diese hätte das Schiff nicht bestanden. So kam es für eine umfassende Restauration auf die Schiffswerft nach Romanshorn. Ziel war es, das «Konstanzerli» möglichst original wieder herzustellen. Der Schiffsrumpf wurde saniert, die Heckwand des Salons um zwei Meter nach vorn verschoben und die Reling filigran wieder hergestellt. Der Oldtimer war fit für Extrafahrten der nächsten 25 Jahre. Als Kursschiff kann es auf Grund der kleinen Kapazität nicht mehr eingesetzt werden. Seit 2018 steht es in den Hochsommermonaten als schwimmendes Hotel im Dienst der URh.

 

100 Jahre MS Konstanz

Das MS Konstanz hat in den 100 Jahren mehr als 650‘000 Kilometer zurückgelegt und war mit Ausnahme des Corona-Jahres 2022 jedes Jahr in Fahrt. An den Tagen der offenen Werft der URh, 5. und 6. April 2025, werden mit dem Jubilar öffentliche Rundfahrten angeboten. Eine seltene Gelegenheit, die Freunde des «Konstanzerli» nutzen sollten. Gemäss der URh sind zum Jubiläum weitere Fahrten geplant, Details können der Webseite der URh entnommen werden.

 

Webseite der URh